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Jahres-Dank-Messe: Hoffnung aus Rissen

Mi, 31. 12. 2025, 18 Uhr

Jahres-Dank-Messe in St. Elisabeth – eine Gelegenheit, bewusst „anders“ auf das vergangene Jahr schauen: Nicht auf ein „perfektes Jahr“, wie so oft in politischen Rückblicken oder Geschäftsberichten der Wirtschaft, sondern ehrlich – auch darauf, was getragen, verwundet und dennoch lebendig geblieben ist.

Nach Dankandacht und Tauferinnerung („… auf Basis der Liebeszusage Gottes, können wir vertrauensvoll auch ins nächste Jahrstarten!“) ging es in den Wort-Gottes-Teil: Ausgangspunkt war das Christuskind aus unserer Krippe, das vor 2 Jahren bei der Christmette „abgestürzt“ und zerbrochen ist – und (auf Initiative von Christoph Bauer) in japanischer „Kintsugi“-Technik  restauriert wurde: Die Bruchstellen wurden nicht verborgen, sondern vergoldet. Ein starkes Bild dafür, dass Gott das Zerbrochene nicht wegwirft, sondern verwandelt.

Ausgehend von Jes 11 („Aus dem Baumstumpf wächst ein Reis hervor“) und dem Evangelium vom Hirtenbesuch bei der Krippe Jesu und dessen Beschneidung wurde deutlich: Neues Leben entsteht nicht aus dem Unversehrten, sondern oft genau dort, wo Risse sind – im persönlichen Leben, in Kirche, Gesellschaft und Welt: Dankbar sind wir nicht für die Brüche, sondern dafür, dass Gott uns im Unheilen begleitet und Hoffnung wachsen lässt.

In einer symbolischen Handlung waren alle eingeladen, ihr eigenes Jahr vor Gott zu bringen: Vor das „geheilte“ Jesus-Kind zu treten, es ehrlich anzusehen; und dann ein Weihrauchkorn – Zeichen der Wunde, aus der Duft aufsteigt – auf die glühende Kohle zu legen; dann war die Möglichkeit von dort einen Goldfaden als Erinnerung an vergoldete Bruchstellen mitzunehmen. All dies wurde dann Eucharistisch vor Gott getragen, im „zerbrochenen Brot“ und „seinem Blut“ seine Gegenwart gefeiert… So wurde die Jahresdankmesse zu einer stillen, dichten Feier der Hoffnung: klein, verletzlich – und gerade darin von Gott berührt… (Die Predigt von Pfarrer Gerald findet sich ausformuliert – leicht überarbeitet – unten!).

Anschließend ging es mit Sekt im Pfarrsaal weiter – aus gemeinsamer Verbundenheit in Gott und Dankbarkeit für viel Gutes, können wir gelassen feiern…

Fotos: Sepideh Araghi, Ute Schellner, Regina Robanser

Predigt von Pfarrer Gerald aus der Jahres-Dank-Messe 2025

(… aus den Predigt-Notizen ausformuliert)

Manchmal fällt etwas einfach herunter.
Nicht aus Bosheit.
Nicht aus Nachlässigkeit.
Es passiert.
Ein unachtsamer Moment.
Ein falscher Griff.
Ein Schlag.
Und etwas liegt in Scherben.
So war es auch bei uns.
In der Christmette 2023 ist unser Christuskind Eli zu Boden gefallen.
Zerbrochen. Sichtbar beschädigt.
Und sofort war die Frage da:
Was tun wir jetzt?
Wegwerfen?
Schnell reparieren?
Oder so herrichten, dass man möglichst nichts mehr sieht?
Wir haben uns bewusst anders entschieden.

Auf Anregung von Christoph Bauer haben wir das Christuskind in einer Kintsugi-Technik restaurieren lassen: eine alte japanische Kunst:
Nicht so tun, als wäre nichts passiert – sondern die Bruchstellen mit Gold hervorheben.
Die Wunden bleiben sichtbar.
Aber sie werden zu Linien, die erzählen:
Hier ist etwas zerbrochen.
Und es wurde nicht weggeworfen.

Genau dieses Bild nimmt uns heute das Wort Gottes an die Hand.
Der Prophet Jesaja spricht nicht von einem prächtigen Baum.
Nicht von gesunder Rinde und reicher Krone.
Er spricht von einem Baumstumpf.
Von etwas, das abgeschnitten ist.
Von etwas, das nach Ende aussieht.
„Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor.“ So Jesaja und so haben wir’s im Lied auch soeben besungen!
Neues Leben entsteht nicht aus dem Gesunden,
sondern dort, wo altes und alles gekappt scheint.
In der Natur geschieht das oft auf zwei Arten:
Dort, wo die Rinde reißt und ein Same hineinfällt.
Oder dort, wo sich ein sogenanntes „Auge“ bildet –
eine kleine Stelle, an der das innere Leben die harte Schale durchbricht:
Nicht im Perfekten. Nicht im Glatten. Sondern im Verwundeten.

Auch das Evangelium erzählt genau davon.
Die Hirten finden kein fertiges Heil.
Keinen starken Retter.
Sie finden ein Kind.
Verwundbar. Bedürftig.
Und wenige Tage später geht Gott selbst „unter die Haut“ –
in der Beschneidung wird sichtbar:
Dieser Gott bleibt nicht auf Abstand.
Er lässt sich berühren.
Er lässt sich verletzen.
Wie oft suchen wir nach dem großen Baum.
Nach dem perfekten Jahr.
Nach einem Leben ohne Brüche.

Gerade jetzt, wenn wir auf 2025 zurückschauen.
Und was finden wir stattdessen?
Kein heiles Bild.
Aber Spuren von Wunden.
Vielleicht war 2025 für viele von uns mehr Bruch als Blüte.
Mehr Abgeschnittenes als Gewachsenes.
Mehr Verlust als Gewinn.
Und doch feiern wir heute Hoffnung.
Nicht, weil alles gut geworden wäre.
Sondern weil Gott gerade dort neu beginnt.
Wir sehen das auch in unserer Welt:
Große Klimakonferenzen scheitern –
aber vor Ort entstehen kleine Initiativen, Gemeinschaftsprojekte – auch unsere Photovoltaikanlage am Kirchendach in St. Florian ist jetzt fertig: Nachhaltiger Strom ohne jegliche Zerstörung.
Politische Sicherheiten bröckeln – weder können wir uns noch auf die USA verlassen, noch auf Sicherheit in Europa;
aber nach Traumata entstehen Kompromisse, leise Regierungsarbeit, neue Verantwortung.
Weltpolitisch erschrecken Namen und Entwicklungen –
aber Europa lernt: Wir müssen selbst stehen.

Vor einem Jahr war klar: Die großen, tragenden Parteien sind klein geworden, ein Kanzler seht bevor, der mir mehr als Bauchweh macht – und jetzt haben wir eine 3er-Regierung, die höchst unspektakulär und ohne prunkvolle Medienauftritte, nach und nach so glaube ich recht gut den Alltag gestaltet.
Der Sozialstaat ist unter Druck –
aber Menschen halten zusammen, engagieren sich in Caritas, spenden, helfen konkret; wenn ich allein schaue, was in unserer Pfarre läuft: bei Kollekten, Caritas-Sprechstunden, Wärmestube, LeO-Aktionen,… – ab übermorgen starten wieder 50, 60 Kinder und Jugendliche und sammeln als Sternsinger/innen, ..
Migration macht Angst –
aber im Kleinen wachsen Beziehungen zu denen, die bei uns wohnen;
eine ganz spannende Gruppe hat sich bei uns darum gebildet.
Unsere Kirche ist tief verwundet –
viele sind gegangen.
Und doch sind manche geblieben: verbindlicher, ehrlicher, tiefer.
Frauen werden in der Kirche nach wie vor diskriminiert – und doch tragen sie mehr und mehr Verantwortung;
die Diskriminierung wird mehr und mehr unglaubwürdig; vielleicht stehen doch endlich hier Durchbrüche an.
Weniger Gottesdienstbesucher –
aber mehr Menschen, die Verantwortung übernehmen, neu getauft werden, Glauben leben.

Und auch im persönlichen Leben:
Gescheiterte Beziehungen – und dennoch Neuanfänge.
Krankheit, Unheil – und trotzdem Hoffnung.
Alles das ist nicht spektakulär.
Es sind kleine Pflänzchen.
Zarte Anfänge.
Ein Reis aus dem Baumstumpf.
Ein Kind in der Krippe.

Heute danken wir Gott nicht für ein perfektes Jahr.
Wir danken ihm dafür,
dass er uns im Unheilen begleitet hat.
Dass er uns nicht losgelassen hat.
Wir danken nicht für die Brüche.
Aber dafür,
dass Gott sie nicht unberührt lässt.
Dass er nicht wegwirft, was gefallen ist.
Dass er nicht zuspachtelt, was verletzt.
Sondern dass er aus Rissen Zugänge macht
und aus Wunden Orte,
an denen neues Leben aufblühen kann…

Stille

Darum lade ich euch jetzt ein.
Kommt nach vorne.
Schaut das verwundete Jesuskind an.
Nicht flüchtig – wirklich.
Legt ein Weihrauchkorn auf die glühende Kohle.
Weihrauch ist das gehärtete Harz,
das aus den Wunden des Weihrauchbaumes fließt – sein „Blut“.
Gerade aus dieser Verletzung entsteht der Duft,
der zu Gott aufsteigt.
Und dann nehmt euch einen Goldfaden mit.
Er ragt unter dem Jesuskind hervor.
Als Erinnerung daran,
dass Gott auch in euren Bruchstellen
nicht abwesend ist.

Nicht alles muss heil sein.

Aber nichts davon ist verloren.